Zwischen Individualität und Idealisierung: Bildnisse der Renaissance

Die gravierenden Veränderungen, die sich in der Malerei im Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit, lassen sich besonders gut an einem Genre der Kunst nachvollziehen, das sich umfassend mit der Renaissance als eigenständige Bildgattung weiterentwickelt: dem Bildnis.

Vor der Betrachtung von Bildbeispielen soll zunächst der Begriff „Bildnis“ definiert werden.

Das Bildnis als Bildgenre

Die künstlerische Darstellung eines bestimmten Menschen nennt man Bildnis und kann mit dem Begriff Porträt gleichgesetzt werden (lat. protrahere = hervorziehen und frz. portrait = Bild/Bildnis).

Das Bildnis zielt darauf ab, das Wesen bzw. die Persönlichkeit des Porträtierten zum Ausdruck zu bringen. Es zeigt ein Individuum, oft mit Fokus auf Gesicht, Haltung und Kleidung, um den Charakter zu unterstreichen. Ein Porträt ist dabei jedoch mehr als eine bloße Abbildung; es will die innere Haltung/die Persönlichkeit oder den sozialen Status erfassen. Aufgabe eines Bildnisses kann es ebenfalls sein, einer Person ein Andenken zu bewahren oder nicht Anwesende zu „vertreten“ (bei Monarchen). 

Das Bildnis kann der Realität entsprechen, den Dargestellten idealisieren oder sogar karikieren. Es lassen sich unterschiedliche Gattungen und Typen von Bildnissen unterscheiden:

In Porträts können auch Dinge/Gegenstände eine entscheidende Rolle spielen: Kleidung, Bücher, Werkzeuge, Schmuck oder Landschaftshintergründe sind nicht zufällig gewählt. Sie verweisen auf Bildung, Macht, Beruf oder Weltanschauung.

Der Begriff Habitus bezeichnet das sichtbare Auftreten einer Person – ihre Haltung, Kleidung und Gestik. Auch hier sind Dinge Teil dieser Erscheinung. Sie strukturieren das Bild und geben Hinweise auf Identität.

Das Marienbildnis

Maria erscheint in den Bildnissen der Renaissance nicht mehr ausschließlich als entrückte Himmelskönigin, sondern als menschlich erfahrbare Mutter. Sie sitzt in einer Landschaft, hält ein Kind fürsorglich im Arm, liest ein Buch, berührt eine Blume.

Gerade hier zeigt sich die „Welt der Dinge“ in besonderer Dichte:

  • Der Apfel in der Hand des Kindes verweist auf den Sündenfall.
  • Die Lilie steht für Reinheit.
  • Ein Granatapfel kann Auferstehung symbolisieren.
  • Ein geöffnetes Buch verweist auf Weisheit oder göttliche Schrift.

Solche Gegenstände nennt man Attribute – Beigaben mit festgelegter symbolischer Bedeutung. Ihre Deutung gehört zur Ikonografie, also zur Lehre von der Bildbedeutung.

Doch entscheidend ist: Diese Dinge sind nicht abstrakt gemeint. Sie sind konkret gemalt. Man erkennt ihre Oberfläche, ihr Gewicht, ihre Materialität. Die Künstler verbinden präzise Naturbeobachtung mit religiöser Symbolik.

Das macht diese Bilder so faszinierend: Sie bewegen sich zwischen spiritueller Bedeutung und sinnlich erfahrbarer Wirklichkeit.

Das Ideal des Schönen: Die Mona Lisa

Mari

Exkurs: Das Porträt in der Moderne

In der Moderne wird diese Idee weitergeführt: Ein Porträt muss nicht zwingend ein Gesicht zeigen. Ein Raum, eine Sammlung von Objekten oder ein arrangiertes Stillleben kann ebenso viel über eine Person erzählen.