Bildkomposition

Unter Bildkomposition verstehen wir den formalen Aufbau eines Bildes, also die Ordnung aller Bildelemente auf der Bildfläche zu einem Ganzen. Diese Anordnung lenkt die Blickführung des Betrachters und ruft jeweils spezifische Wirkungen hervor (Zusammenspiel von Inhalt und Form). Es sollte bedacht werden, dass diese Wirkungen stark von unseren Sehgewohnheiten und der kulturellen Prägung abhängen.

Im Wesentlichen lassen sich zwei Gestaltungsprinzipien unterscheiden, die in einem Bild betont sein können: Die ausgewogene Organisiertheit der Bildelemente und die Negation einer Ordnung.

Caspar David Friedrich, Ostermorgen, 1828-35.
Öl auf Leinwand, 34 x 44 cm. Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid.

Ausgewogene Organisiertheit

Mithilfe bestimmter Gesetzmäßigkeiten wird eine Bildstruktur geschaffen, welche durch die bewusste Anordnung der einzelnen Bildelemente die Blickführung des Betrachters durch das Bild lenkt.

(1) Formatwirkung

(2) Konzentrationspunkt

Ein Konzentrationspunkt lenkt den Blick des Betrachters auf sich. Häufig ist es die Stelle im Bild, die als Erstes betrachtet wird.

Ein Konzentrationspunkt in einem Bild entsteht durch…

  • Verdichtung,
  • Auflockerung,
  • Farbe,
  • Gerichtetheit der Formen/Linien.
Caspar David Friedrich, Kirchhofpforte, 1822.
Öl auf Leinwand, 38 x 34 cm. Kunsthalle Karlsruhe. [Verdichtung]
Caspar David Friedrich, Abtei im Eichwald, 1809-10.
Öl auf Leinwand, 110 x 171 cm. Alte Nationalgalerie, Berlin. [Verdichtung]
Caspar David Friedrich, Weidengebüsch bei tiefstehender Sonne, 1832-35.
Öl auf Leinwand, 22 x 31 cm. Freies Deutsches Hochstift, Frankfurt/Main. [Auflockerung, Farbe]
Caspar David Friedrich, Kügelgens Grab, 1821/22.
Öl auf Leinwand, 42 x 56 cm. Privatsammlung. [Farbe]
Caspar David Friedrich, Morgen im Riesengebirge, 1810/11.
Öl auf Leinwand, 108 x 170 cm. Neuer Pavillon, Berlin. [gerichtete Linien]

(3) Verhältnis Grundfigur – Objektfigur

Die Objektfigur ist das zentrale Motiv oder die Hauptgestalt in einem Kunstwerk (z. B. eine Person, ein Tier oder ein Gegenstand). Sie steht zumeist im Vordergrund zieht die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich.
Die Grundfigur bezieht sich auf den Hintergrund oder die unterstützenden Elemente, die die Objektfigur umgeben. Sie bildet den Kontext, in dem die Objektfigur steht, und sorgt für die räumliche und kompositorische Struktur des Kunstwerks. Sie kann durch Farbe, Textur oder Form gestaltet sein und beeinflusst, wie die Objektfigur wahrgenommen wird. Die Grundfigur kann auch dazu dienen, die Stimmung oder Atmosphäre des Werkes zu verstärken.

Grundfigur betont
>>> Objektfigur wirkt verloren

Caspar David Friedrich, Der Mönch am Meer, 1808-10.
Öl auf Leinwand, 110 x 172 cm. Alte Nationalgalerie, Berlin.

Objektfigur betont
>>> wirkt dominant

Ernst Ludwig Kirchner, Selbstporträt, Doppelporträt, 1914.
Öl auf Leinwand, 60 x 49 cm.
Staatliche Museen zu Berlin.

ausgewogenes Verhältnis von Grund- und Objektfigur
>>> ausgeglichen

Edvard Munch, Die Einsamen, 1906-08.
Öl auf Leinwand, 81 x 111 cm. Harvard Art Museums.

Das Zusammenspiel von Objektfigur und Grundfigur bestimmt die visuelle und emotionale Wirkung eines Kunstwerks.

(4) Kompositionsprinzipien

Kompositionsschemata

Zurückgreifen auf geometrische Figuren

  • Orthogonale/Rechteck/Quadrat>>> Festigkeit, Ausgeglichenheit
  • Dreieck >>> Stabilität, Standfestigkeit
  • Kreis/Oval >>> Verbundenheit, Vereinheitlichung
  • Spirale >>> Dynamik, Dramatik (z. B. Kampf)
Raffael, Madonna im Grünen, 1506.
Öl auf Pappelholz, 113 x 88 cm.
Kunsthistorisches Museum Wien.
[Dreieck]
Raffael, Sixtinische Madonna, 1512/13.
Öl auf Leinwand, 256 x 196 cm.
Gemäldegalerie Alte Meister Dresden.
[Dreieck und Kreis/Oval]
Vincent van Gogh, Weizenfeld mit Zypressen, 1889.
Öl auf Leinwand, 73 x 93 cm.
[Komposition um eine Achse]

Ordnungsstrukturen

Es lassen sich folgende grundlegende Ordnungsstrukturen unterscheiden:

  • Symmetrie >>> harmonisches Gleichgewicht, Spiegelung
  • Asymmetrie >>> Unruhe, Chaos, Aufgewühltheit
  • Reihung >>> Gleichförmigkeit, Ordnung, Vereinheitlichung von Unterschieden
  • Ballung, Gruppierung, Streuung >>> Wechsel, Kontrast (z. B. Dichte vs. Vereinzelung/Isolation)
  • Raster >>> Ordnung, Gleichförmigkeit
Caspar David Friedrich, Hünengrab im Schnee, 1807.
Öl auf Leinwand, 62 x 80 cm.
Galerie Neue Meister, Albertinum, Dresden. [Reihung]
Jan van Eyck, Arnolfini-Hochzeit, 1434.
Öl auf Holz, 82 x 60 cm. National Gallery, London. [Symmetrie]
Andy Warhol, Marilyn Diptych, 1962.
Siebdruck auf Leinwand, 205 x 145 cm (jedes Panel).
Tate Modern, London. [Raster]

Bildbestimmende Kompositionslinien

Herausfiltern von bildbestimmenden Linien durch das Reduzieren von Bildelementen auf Linien und richtungsweisende Achsen

  • Horizontale >>> Ruhe, aber auch Teilung in obere und untere Bildhälfte
  • Vertikale >>> Erhabenheit, aber auch Teilung in linke und rechte Bildhälfte
  • Diagonale >>> Dynamik, Unruhe
    • von links nach rechts abfallend >>> negativ (z. B. Niederlage)
    • von links nach rechts aufsteigend >>> positiv (z. B. Sieg)
Annibale Carracci, Beweinung Christi, 1606.
Öl auf Leinwand, 93 x 103 cm. National Gallery, London.
[Fallende Kompositionslinie]
Caspar David Friedrich, Zwei Männer in Betrachtung des Mondes, 1819/20.
Öl auf Leinwand, 33 x 45 cm. Galerie Neue Meister, Albertinum, Dresden.
[Diagonale]

Bildproportionen

Eugène Delacroix, Die Freiheit führt das Volk, 1830.
Öl auf Leinwand, 260 x 325 cm. Louvre, Paris.
Caspar David Friedrich, Der Sommer, etwa 1807.
Öl auf Leinwand, 42 x 104 cm. Neue Pinakothek München.
Adolph von Menzel, Piazza d’Erbe in Verona, 1884.
Öl auf Leinwand, 74 x 127 cm. Galerie Neue Meister, Albertinum, Dresden.

Negation einer Ordnung

Wenn in einem Bild die Organisiertheit scheinbar negiert wird, gleicht dies dem Prinzip „Zufall“ bzw. Chaos.

Eine scheinbare Negation aller Ordnung zeigt sich in Gemälden des Tachismus, einer Richtung des Informel in der abstrakten Malerei. Diese entstand in den 1940er Jahren in Paris und war bis etwa 1960 aktiv. Der Begriff wurde von dem französischen Kunstkritiker Pierre Guéguen, der die Werke abfällig als tachisme (franz.: „Fleckwerk“) bezeichnete. Die Künstler des Tachismus versuchten, spontane Empfindungen und das Unbewusste unter Vermeidung jeder rationalen Kontrolle durch Auftrag von Farbflecken auf eine Leinwand darzustellen.

Albert Fürst, Wirrung, 1957.
Mischtechnik auf Bütten, 54 x 76 cm. Privatbesitz.
Emil Schumacher, Salangan, 1989.
Öl auf Holz, 170 x 250 cm. Städel Museum, Frankfurt/Main.

Zeitlich etwa parallel entstand zu den informellen Kompositionen in den USA mit dem abstrakten Expressionismus eine eng verwandte Malmethode: Das Action Painting.

Jackson Pollock, Free Form, 1946.
Öl auf Leinwand, 49 x 36 cm. The Museum of Modern Art, New York.

Quellen:
Bickelhaupt, Thomas (2014): Grafik. Theorie – Praxis – Geschichte. Stuttgart: Ernst Klett Verlag.